Spiegel vs. deutsche Blogosphäre; Oder auch: “Getroffene Hunde bellen”

Gepostet von Frei-Gen'er am 23. Juli 2008

Nichtsahnend las ich gestern Mittag einen Artikel auf Spiegel Online mit dem Titel “Die Beta-Blogger“. Nun ja gut, das ist jetzt nicht unbedingt provokativ, wo sich doch seit Web 2.0 eigentlich alles Beta nennt (was nun wieder ein ganz anderes Thema wäre). Das Ende des Teasers hingegen haut schon richtig rein:

“[...] Die meisten sind unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell.”

Liest sich wie ein typischer Griff ins Klo und ist mit Sicherheit keine redaktionelle Glanzleistung und dient, wie es Bastian vermutet, sicherlich auch der Provokation. Aber Provokation sollte bei einem Journalisten kein Tabu sein; schließlich ist es eine seiner effektivsten Waffen um Leser zu erreichen, was wiederum der Anspruch eines Journalist, nach meinem Verständnis, ist. Und bei mir hat es funktioniert, ich überlegte mir das ich mich mal in einem Artikel mit dem Sinn und Zweck des Schreibens für den Frei-Gen Blog auseinandersetzen sollte um darzulegen um was es mir geht. Das Stand nun also auf der ToDo-Liste für Beiträge, doch es sollte anders als geplant/gedacht kommen.

So fing ich heute an durch die Reaktionen verschiedener Blogs  zu dem Artikel zu stöbern, nachdem ich beim Bastian durch Zufall auf seine Reaktion gestoßen war (eigentlich war ich auf Recherche nach Informationen die mit dem eigentlichen Thema seines Blogs zu tun haben); und zunehmend merkte ich was für eine Welle der Spiegel los getreten hatte. Nun liegt mir leider die Print-Ausgabe des Artikels nicht vor (armer Azubi etc. ;) ), doch ich denke der Online Artikel stellt eine brauchbare Grundlage da, um sich mit den Reaktionen und ihrer Symptomatik zu beschäftigen.

Insgesamt erklärt der Artikel die Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Blogs aus Sicht der 3 Spiegel-Autoren und versucht hier für einige Zahlen, wie die Leserzahlen großer deutscher Blogs, zu Rate zu ziehen und quasi als Beweise zu werten. So schwach wie diese Erläuterung seien mag, so klar ist doch die Kernbotschaft die irgendwo in dem (online) Artikel untergeht, aber doch auffindbar ist.

Große deutsche Blogs produzieren (im Gegensatz zu amerikanischen?) meist nichts Neues; keine Thesen, keine kritischen Analysen oder gar Enthüllungen (ob diese in Amerika durch Blogs stattfinden, wage ich nicht zu urteilen).

Viel mehr bauen viele der großen deutschen Blogs, wie der BildBlog, der Spiegelfechter oder die Nachdenkseiten, darauf auf die existierenden alten Medien zu zerreißen – Ein bisschen wie alte Stammtisch-Rhetorik; gerettet ins Netz und übertragen auf deutsche Medien.

Ich kenne mich in der amerikanischen Blogosphäre nicht aus und will dies auch nicht; mir reicht schon die deutsche um mir (wenn ich das denn wollte) all meine Zeit zu vertreiben. Genau daher werde ich mich auch auf die deutsche Szene beschraenken mit meiner Analyse.

Doch in wie weit stimmt die durch das nachfolgende Zitat aus einem Beitrag von Don Alphonso veranschaulichte (und auch vom Spiegel genutzte) These:

“[...] Welcher bekannte deutsche Blogger, [...], hat eigentlich was zu Themen wie der globalen Finanzkrise zu sagen? Mindestlohn? Vertiefende Analysen zur Verarmung des Mittelstandes? Wie viele Buchkritiken gab es im letzten Jahr, wo sind die Texte, die gekonnt mit Konditionalsatz und Konjunktiv hantieren würden, wo wird Leistung erbracht, die die Debatte der Allgemeinheit erreichen und beeinflussen? [...]“

Nun schreibe ich im Frei-Gen Blog generell meine eigene Meinung nieder und ich persönlich denke die  These stimmt; von hinten bis vorne und zurück. Und genau das ist in meinen Augen die Kernaussage des Spiegel-Artikels: Der deutschen Blogosphäre fehlt es an quantitativer und qualitativer Substanz um wirklich zu diskutieren und über wichtige Themen, wie Politik, Wirtschaft, gesellschaftliche Entwicklungen, etc., zu streiten.

Nun gibt es generell nichts daran auszusetzen das sich Blogs mit so etwas wie Stammtisch-Talk auseinandersetzen bzw. diesen aktiv praktizieren und  in gewisser Dosis ist es sicher auch angebracht und amüsant (ja auch ich habe dies bereits getan); doch darf oder sollte dies der gesamte Inhalt der grössten Blogs sein? Ist dass das ganze Potential von Blogs in Deutschland?

Und wieder bringt es Don Alphonso auf den Punkt und wieder nutzt auch der Spiegel dieses Zitrat:

“Eine ganze Reihe ‘führender’ deutscher Blogs bezieht seinen Inhalt weitgehend sekundär, schreibt Zeitungen ab und sucht irgendwelchen Entertainment-Müll im Internet.”

Nun wäre der Artikel des Spiegels doch eigentlich eine Einladung mit dem (sinnlosen?) Zerreißen von Beiträgen alter Medien aufzuhören und vielleicht durch eine Art “Qualitätsoffensive” eben diese Kritik nichtig werden zu lassen; oder zumindest über der Kritik zu stehen und diese zu ignorieren (wenn man sich ihr nicht annehmen will). Doch  stattdessen, lassen sich mindestens 2 der “angegriffenen” (eigentlich eher genannten) Blogs auf genau das ein, was die Kritik erst auslöste. So können (oder wollen?) weder der Spiegelfechter noch die Nachdenkseiten der Versuchung widerstehen und geben sich genau wie zig andere Blogs (die mehr als 30 Trackbacks und 180 Kommentare beim Spiegelfechter sprechen wohl für sich) den Niederungen “argumentativer Schlammschlachten” hin.

Schade, all diese investierte Zeit hätte sicher einige schöne Analysen und Thesen hervorbringen können – hat sie aber nicht; und genau hier unterscheiden sich wohl die ‘führenden’ deutschen Blogs von ihren amerikanischen Pendants; Viel mehr geben wir uns einer neuer Schlammschlacht hin.

Aber vielleicht hat das ganze dann doch was positives an sich und ist von der Zukunft aus betrachtet, ein nötiger Tadel um die deutsche Blogosphäre reifen zu lassen. So hat sich z.B. der BildBlog meines Wissens, vielleicht hab ich es auch schlicht übersehen, nicht auf die ganze Schlammschlacht eingelassen. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt; also mach mich stolz aprosdokese und werde nicht ein weiterer pseudo-politischer Blog… bitteeee ;)

Freiheitliche Grüsse und einen schönen Abend an alle deutschen Blogger

Der Frei-Gen’er

P.S.: Liebe Tutsi, wenn es dir doch scheinbar scheißegal ist was die Spiegel-Redaktion schreibt, zumindest klingt das in deinem Beitrag so durch, warum startest du dann so eine “fragwürdige” Aktion?

P.P.S.: Spiegel.de ist ein extrem Reichweiten starkes und von Google, allen Mutmaßungen nach, für Deutschland als eine autoritätsstarke Seite eingestuftes Portal, warum sollten die Linkbait nötig haben? Kann mir das irgendwer erklären?

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Aktuell gibt es 4 Kommentare.

  1. aprosdokese sagt:

    Ich werd mir Mühe geben. Großes Indianer-Ehrenwort.

  2. Cujau sagt:

    Bäh, blöde Tippfehler. Also nochmal:

    Das war ja wohl endlich mal der richtige Tonfall zu diesem Thema. Gratuliere! Solche Blogger – oder sollte man endlich mal sagen Schreiber – braucht das Land. Nicht welche, die ständig damit rummosern, wie schlecht die anderen sind und gleichzeitig glauben, die besseren Journalisten sein zu können.

    Wer ist das schon, nicht mal ein Journalist; aber darauf kommt’s eh nicht an, sondern auf nüchterne Distanz, ein wenig Satire und Zynismus und trotzdem auf Lebensfreude. Merci! Das war hier mal purer Lesegenuss!

  3. Frei-Gen'er sagt:

    Freut mich wenn ich als Schreiber/Blogger nicht der einzige bin der das so sieht. Insbesondere die Lebensfreude ist ein Punkt der zwar in diesem Post untergeht, aber vielleicht auch mit ein Grund ist warum einige viele so überreagieren…

    P.S.: Ich war mal so frei und hab den ersten Kommentar entfernt Cujau.

  4. Cujau sagt:

    Lebensfreude kommt ja auch beim Lesen eines wirklich gut geschriebenen Posts auf. Und Deiner hier ist wirklich gut; finde ich jedenfalls, was auch bedeutet, dass meine Meinung keine allgemeine Gültigkeit besitzt; subjketiv eben.

    Aber der Krawall, der mitunter woanders produziert wird, transportiert keine Lebensfreude; allerhöchstens Frust. Und den dürfen diejenigen behalten, die ihn produzieren.

    Also horrido und ein happy WE.

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