Schlechtes Gewissen

Gepostet von Frei-Gen'er am 7. Dezember 2009

Hallo Internet,

ich kann nicht mehr. Ich will nicht länger in mich hinein brummeln. Und vor allem – ich will nicht nur zusehen, wie meine eigene Partei das Wählervertrauen verspielt und eine große Chance unser Land auf einen neuen, besseren, Kurs zu bringen verschenkt. Daher schreib ich jetzt nieder, was ich mich bisher nur mit wenigen guten (Partei-)Freunden zu besprechen traute – vielleicht hilft es…

Genau 71 Tage ist der, in dieser Deutlichkeit selbst von Optimisten in den eigenen Reihen nicht erwartete, Wahlsieg der FDP nun her. Ja, ich schreibe bewusst von einem Wahlsieg der FDP. Denn mal abgesehen von den Nichtwählern ist keine Wählergruppe so stark angewachsen. Und wohl noch wichtiger – nur die Wahlschlappe der SPD und der Erfolg der FDP ermöglichten erneut eine zweier Koalition abseits von schwarz-rot (von einer großen Koalition zu reden dürfte inzwischen nicht mehr möglich sein).

Der Abend des 27. September war für mich als aktives Mitglied der FDP und der JuLis (dem Nachwuchsverband) einfach nur genial. Wir waren am Ziel. Die Regierung war zum greifen nahe und es gab für Merkel keine glaubhaften Gründe weiter mit der SPD regieren zu wollen. Wir waren in der Offensive. (Vielleicht war es ein einmaliger Moment?). Plötzlich schienen viele Forderungen umsetzbar: Die Umkehr in zentralen Bürgerrechtsfragen, eine Steuerreform (wobei ich die Vereinfachung als wichtiger als die Entlastung empfinde), die Sanierung des Haushalts (durch radikales Zusammenstreichen der Ministerialbudgets), der Beginn einer Erneuerung der sozialen Sicherungssysteme,… Und ja, auch an diesem Abend war uns allen klar das wir Kompromisse eingehen müssten. Lass es 5 Stufen im Steuersystem sein und Merkel ihren verkorksten Gesundheitsfond behalten. Das macht zwar immer noch keinen Sinn, aber wir (also die FDP) haben ja nicht die absolute Mehrheit geholt.

Einen Monat später wurde der neue Koalitionsvertrag unterzeichnet. Es waren vier chaotische Wochen der Verwunderung bis hierhin. Die Medien berichteten über die Koalitionsverhandlungen in jedem noch so kleinen Detail und wohl nicht selten fielen sie auf Inszenierungen und Testballons der neuen Regierungsparteien herein. Mit einer geschickt aufgesetzten Strategie schaffte es die CDU hierbei der FDP schnell eine Menge Wind aus den Segeln zu nehmen. Das anfängliche Erklären von zentralen Politikfeldern als nicht zur Disposition stehend, war hierbei sicher nur einer der offensichtlichen Schachzüge, genau wie die Sticheleien aus Bayern. Es dämmerte so langsam die Einsicht, dass die CDU-Spitze im Gegensatz zur FDP-Spitze gut auf den Tag nach der Wahl vorbereitet war. Der Fall Schwarz-Gelb war gut durchdacht und die Taktik alle strittigen Fragen in “Regierungskommissionen” zu verlagern, war eine elegante Methode um die FDP aufs Glatteis zu führen. Schließlich, und das muss sich die FDP wohl eingestehen, fehlt weiten Teilen der Parteiführung die Erfahrung im Regieren auf Bundesebene. Die CDU sitzt seit vier Jahren in den Ministerien und hat es verstanden im Regierungsapparat unter Merkel fähige abgebrühte Leute zu installieren. Bei der FDP hingegen lag die letzten elften Jahre, gezwungener Maßen, der Schwerpunkt auf der Fraktion. Für fast alle Bereiche der Politik fanden sich hier ausgewiesene Fach-Experten. Seien es die bekannten Hoyer, Solms, Fricke, Bahr, Gruß, Piltz oder auch ein weniger bekannte wie Schäffler. Mit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages wurde jedoch klar – die Minister- und Staatssekretärposten gehen im Großen und Ganzen an andere (Hoyer & Bahr seien hier als positive Ausnahmen erwähnt). Und was vielleicht noch schlimmer war, es wurden nur wenige erprobte Leute aus den Länderministerien nach Berlin geholt. Wichtiger war es der Parteispitze sich selbst mit Ämtern und Posten zu versorgen. Es ging weniger um die eigentliche Kompetenz, als um Proporz und “die geleisteten Dienste” an der Partei.

Am 28. Oktober wurde die Kanzlerin nun auch formal vom Bundestag wiedergewählt, die Minister vereidigt und die erste Kabinettssitzung abgehalten. Und die ersten Zweifel keimten auf. Läuft das hier so, wie es sein sollte? Bei der Durchsicht des kurz zuvor beschlossenen Koalitionsvertrags musste ich mehr als einmal schlucken. Wieso zum Geier soll der Apothekenversandhandel verboten werden? Wo sind klare Ansagen zur Umgestaltung der Sozialversicherungen? Wo die klare Festlegung “Mindestlöhne” abzuschaffen? Doch es gab ja auch einige Erfolge und so fing ich, wie einige in meinem Umfeld, den Koalitionsvertrag als brauchbare Arbeitsgrundlage, insbesondere vor dem Hintergrund der realen Kräfteverhältnisse, zu interpretieren.

Bis letzten Montag brachte mich auch die insgesamt übertrieben negative Presse nicht von dieser Interpretation ab. Wie sagte eine Parteifreundin gestern noch zu mir, die deutsche Journale hatte einfach bei der Großen Koalition vier Jahre lang nicht die Möglichkeit sich so richtig auszukotzen – schließlich ist man mit beiden ehemaligen Volksparteien relativ eng verknüpft. Dementsprechend muss jetzt erst mal der Druck raus. Doch als Herr de Maizière in Brüssel offen den Koalitionsvertrag brach (auch wenn die Formulierung schwammig ist fehlt zumindest definitiv der Ratifizierungsvorbehalt) war für mich das Maß voll. Die erhoffte Umkehr im Bereich der Bürgerrechte und des Datenschutzes, die der Koalitionsvertrag bei halbwegs objektiver Betrachtung zumindest erahnen lies, entpuppte sich kurzer Stopp. Man muss an dieser Stelle den Einsatz von Frau Piltz, Herrn Alvaro und vom JuLis Bundesvorsitzenden Johannes Vogel lobend erwähnen – sie machten öffentlich mobil und zeigten unverhohlen was Sie vom SWIFT-Abkommen halten – Herr Westerwelle tat dies nicht. Er lies die CDU gewähren und beschädigte die hart erkämpfte Glaubwürdigkeit der Liberalen in eben solchen Fragen schwer. Er hätte sich als Außenminister und  insbesondere als Parteichef schlicht in diese Debatte einschalten müssen.

Die Quittung für die aktuelle Entwicklung bekommt die FDP aktuell wöchentlich in den Umfragen (wie Forsa bewiesen hat, scheinen diese aktuell akkurater zu sein als manch ein SPD-Promi zu meinen schien). Aber auch das konnte man noch zur Seite legen und sich daran erinnern, dass quasi alle neuen Regierungen erst mal an Wählergunst einbüßten. Opposition ist und bleibt für alle Parteien im deutschen Parlamentarismus die deutlich bequeme Position (ist sicher kein Zufall das Oskar sich in ihr sooo wohl fühlt). Doch am letzten Freitag kam schließlich ein weiterer Deutschlandtrend. Mal wieder eine Umfrage. Nichts wildes, schließlich kommen ständig neue Zahlen rein. Aber eine Zahl am Rande hat es in sich: 44% der FDP-Wähler sind mit der aktuellen Regierung unzufrieden. Das sind bei den 14,6% von der letzten Bundestagswahl mal eben gut 6,4%. Und das bestätigt mich in meinen Gefühlen und Empfindungen der letzten Wochen. Die FDP-Führung versteht den Auftrag der Wähler falsch.

Es müssen endlich die Alarmglocken gehen und eine massive Korrektur der aktuellen Arbeit muss eingeleitet werden. Die FDP darf sich nicht als Machterhaltungsverein a la CDU verstehen. Im Hause Merkel geht es schon lange nicht mehr um Inhalte sondern um Beliebtheitspunkte und Umfragewerte. Anders sind Absurditäten wie die Abwrackprämie schlicht nicht zu erklären. Daran hab ich mich gewöhnt und irgendwie damit arrangiert. Schließlich zeigt das Bundesland NRW wie ein schwarz-gelbes Bündnis gut funktionieren kann – ohne auf den nötigen Wandel und Fortschritt zu verzichten. Will die FDP aber einen ebensolchen Verein aufziehen, sage ich ihr schon jetzt das Scheitern mit diesem Versuch voraus. Ergebnisse wie zur Bundestagswahl ‘98 werden wieder kommen.

Die junge Generation, die entgegen aller Unkenrufe überdurchschnittlich stark die Liberalen gewählt hat, fühlt ganz genau wie die Parteispitze tickt und wo sie ihre Prioritäten setzt. Verlieren wir in diesen Kreisen die Glaubwürdigkeit in unseren Kernthemen, also dem Einstehen für eine moderne Leistungsgesellschaft, dem Schutz der Bürgerrechte und dem seriösen Umgang mit den Problemen durch den demographischen Wandel für die sozialen Sicherungssysteme,  ist die dann folgende Niederlage bei der Landtagswahl in NRW 2010 noch eins der kleineren Probleme.

So nannte die Süddeutsche vor einiger Zeit die Jungen Liberalen die “interessante Jugendorganisation”. Verliert die Partei (und der Jugendverband gleichermaßen) nun die Glaubwürdigkeit unter den eigenen Wählern und Aktiven, verliert sie die junge Generation. Die Chance sich als politisch breit aufgestellte und besonders in der jungen Generation verankerte Partei aufzustellen wird vergeben werden. Und mit ihr der Wille von zig Tausend jungen Menschen ihr Herzblut und ihre Freizeit für das gemeinsame Projekt zu investieren.

Hoffen wir, dass der Parteispitze bewusst ist was auf dem Spiel steht.

Ansonsten wird sich wohl nicht nur aus meinem aktuellen schlechten Gewissen eine andauernde fehlende Motivation entwickeln. Vielleicht schreibt die Süddeutsche dann in einigen Jahren über die Jungen Liberalen, dass sie der Jugendverband ist der am klarsten von seiner eigenen Partei(spitze) verraten wurde.

Was denkt Ihr über die aktuelle Entwicklung der FDP?

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Aktuell gibt es 5 Kommentare.

  1. Manuel sagt:

    Leider absolut wahr was du da schreibst. Da kommen einem fast die Tränen weil die Realität einfach so traurig ist.

    Ich werd mal abwarten, werde noch den Neujahrsempfang mitnehmen, der ist immer ganz nett, und dann überlegen meinen Austritt zu erklären. Einfach um ein ganz kleines Zeichen zu setzen: ich bin unzufrieden.

    Man soll der Regierung ja 100 Tage Schonfrist einräumen. Aber mit so Ministerbesetzungen wie Schäuble oder Brüderle, da hilft auch ne Schonfrist nicht. Wobei ich Röttgen, Köhler, Guttenberg und Rösler auch mal positiv hervorheben möchte.

    Ideologisch steh ich mangels freiheitlicher Alternativen nach wie vor und auf absehbare Zeit keiner anderen Partei näher als der FDP (gut, vielleicht der neuen Partei der Vernunft), aber ich glaub die FDP steht sich ideologisch gerade selbst nicht sonderlich nah.

    Dass man Kompromisse eingehen muss als kleinere der beiden Koalitionsparteien war völlig klar. Aber bei den Kompromissen haben sie sich glaub ich tatsächlich ziemlich aufs Glatteis führen lassen. Vielleicht haben die Opposition und der bescheuerte DGB auch einfach ihr übriges getan mit ihrer „sozialen Kälte“-Hetze, dass Schwarz-Gelb alles daran gesetzt hat, diesen Eindruck bloß nicht erst entstehen zu lassen.

    Vielleicht gibt es ja nach gewonnener Landtagswahl 2010 eine 180° Kehrtwende und die machen tatsächlich ab dann mal sinnvolle, nachhaltige Politik. Aber irgendwie vermisse ich ehrlich gesagt ein wenig diese soziale Kälte von der die Sozialisten gesprochen haben.

  2. Jochen sagt:

    Mein ernstgemeintes und aufrichtiges Mitgefühl.
    Ich stand vor der Wahl auch vor dem Trümmerhaufen SPD.
    Ich habe miich dann für die Piratenpartei entschieden. Ich möchte Dich daher einladen, ganz unverbindlich bei einem stammtisch in Deiner Nähe vorbeizuschauen und selbst anzuschauen, ob die Piraten eine Alternative sein könnten.
    Gruß Jochen

  3. Carsten sagt:

    Hallo,

    ich finde Deine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Partei sehr gut und auch sehr gut formuliert ohne zu hetzen. Man sollte die persönlichen Ziele und die der Partei immer mal wieder hinterfragen und bei Missfallen auch äußern. Ich hoffe für Dich persönlich nur, dass man Dich in Deiner Partei auch hört und diese Forderungen umsetzt.

    Sollte dieses nicht passieren, lade auch ich Dich herzlich ein mal unverbindlich die Piraten zu besuchen.

    Viel Glück!

    Gruss
    Carsten

  4. Chrizzo sagt:

    Hi,
    interessant, von einem jungen FDPler zu hören, der anscheinend nicht nur dabei ist, weils beim Chef geil ankommt. Dies war leider bisher der Eindruck, den ich von vielen JuLis bekommen habe und der Grund, wieso ich mich für eine freiheitliche, gesellschaftlich möglichst unregulierte Gesellschaft bei den Piraten engagiere. Klar, wir haben auch den Lafo-Bonus: Opposition (nicht mal im Parlament!), wir können gut reden – die Piraten werden sich noch an der Bundestagspraxis messen müssen. So fängt aber jede Partei mal an.
    Komm doch mal beim Stammtisch vorbei!

  5. Frei-Gen'er sagt:

    @Manuel: Ich denke der Satz “aber ich glaub die FDP steht sich ideologisch gerade selbst nicht sonderlich nah.” bringt es sehr zutreffend auf den Punkt. Das Programm und die Beschlüsse werden nicht ansatzweise umgesetzt oder beachtet… hoffen wir, dass sich das ändert :-/

    @Jochen: Danke für das Mitgefühl ;-) Aber ich glaube (noch) dass die FDP nicht in einem “so schlechten” Zustand wie die SPD ist. Wer weiß wie das aussieht, wenn wir die nächsten 11 Jahre SO mit regieren – wahrscheinlich ist dann von der jetzigen Stärke der Partei nichts mehr übrig…

    @Carsten: Wahrscheinlich unterscheidet genau das kritische hinterfragen der eigenen Partei und Meinung die Leute, die hauptsächlich aus Karrieregründen in der Politik sind, welche es in allen Parteien gleichermaßen geben dürfte, von Engagierten denen es mehr um die Sache geht.

    @Chrizzo: Aus meinen persönlichen Erfahrungen und Umfeld habe ich den Eindruck gewonnen dass es besonders bei den Jungen Liberalen vielen nicht ums “Image” geht. Schon eher um eine freiheitliche & verantwortungs-/leistungsorientierte Gesellschaft. Zu dumm wenn man dann in Regierungsverantwortung nicht liefert :|

    Generell überlege ich wirklich ob ich mir mal einen Piraten-Stammtisch anschauen soll. Aber einige aktuelle Entwicklungen lassen mich von dieser Idee inzwischen mehr Abstand nehmen als noch vor einigen Monaten…

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